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Wenn Wut nicht weitergegeben wird

  • 12. März 2021
  • 3 Min. Lesezeit

Heute ist Freitag, ein schöner, sonniger Freitag. Nach meiner Morgenroutine bin ich mit Lucie, meiner schönen Grey, spazieren gegangen. Als ein Fremder mich anschrie und mein Tag dadurch nur noch besser wurde, wurde mir klar, dass ich wieder schreiben möchte. Also, hier ist meine kleine Geschichte des Tages.


"Du versperrst hier mit deinem Köter den ganzen Weg!" sind normalerweise nicht unbedingt Worte, die einem den Tag versüßen. Während ich einen Gassi-Beutel in der einen und meine Lucie in der anderen Hand hielt, starrte ich nun also in das Gesicht eines wütenden Fremden. Ich brauchte circa drei Sekunden, um überhaupt erst einmal zu verstehen, was gerade passiert war. Er stand direkt vor mir, ein Mann in seinem braunen Parker, vielleicht Anfang 30. Ich lächelte. Seine hellbraunen Locken fielen ihm ins Gesicht, seine Augen waren voller Wut.



Ich war noch nie gut darin schlagfertig zu sein, wenn Leute mich blöd von der Seite anmachen. Normalerweise weiß ich dann überhaupt nicht, was ich sagen soll, murmle irgendetwas vor mich hin oder versuche der Situation zu entfliehen. Und dann werde ich sauer, so richtig sauer. Dann zermatere ich mir mein Gehirn, um die passenden Worte zu finden, kämpfe in meinem Kopf noch stundenlang mit dieser Person und bin frustriert, weil ich zu blöd bin, meinen Mund aufzumachen.


Aber nicht heute.


Dieser Mann, nennen wir ihn Rob, steht also direkt vor mir und meinem verwirrten Hund. "Kannst du nicht sehen, dass der hier total im Weg steht??", schreit er mich an. Ich lächle und sage "Oh, tut mir leid." Er guckt mich leicht verdutzt an, das war offensichtlich nicht die Reaktion, die er erwartet hatte. Nachdem er kurz verharrt, läuft er nun weiter. Vier Schritte später dreht er sich nochmal um und ruft irgendwas wie "Unverschämtheit!" – um ehrlich zu sein, weiß ich gar nicht mehr genau, was er gesagt hat. Also wiederhole ich mich und sage nochmal "Es tut mir leid!" aber dieses Mal höre ich hier nicht auf sondern rufe noch hinterher "Trotzdem noch einen schönen Tag!". Ohne einen provokanten Unterton, sondern ernst gemeint, mit einem entschuldigenden Lächeln im Gesicht. In diesem Moment habe ich die Befürchtung, dass ihm gleich sein Schädel platzt. Er schaut mich an, sprachlos. Läuft weiter, dreht sich dabei ein paar Mal um, immer noch mit der selben Wut in den Augen.

Ich gucke meinen Hund an, mein guckt zu mir hoch. "Lucie, du bist im Weg, mein Schatz.", sage ich und wir gehen weiter. Anstatt mich schlecht zu fühlen und mich darüber zu ärgern, dass ich nicht zurückgemotzt habe, war ich auf einmal ganz schön stolz auf mich. Rob hatte heute ganz offensichtlich ein Problem. Wenn ich an den Bürgersteig denke, der für uns drei auf jeden Fall breit genug war, dann wage ich zu bezweifeln, dass dieses Problem mit Lucie und mir anfing. Zum ersten Mal ließ ich die negativen Vibes an mir abprallen, ohne sie in mich aufzunehmen. Ich habe Rob alles sagen lassen, was er sagen wollte und blieb dabei trotzdem positiv und vor allem freundlich. Was ihn allerdings leider nicht wirklich zufriedengestellt hat.


Manchmal versuchen Leute ihre Wut wie eine Währung an uns weiterzugeben. Wenn wir sie annehmen ist es mehr als wahrscheinlich, dass wir sie an den nächsten weitergeben, entweder einen Fremden oder sogar an jemanden, den wir eigentlich lieben. Wir versuchen Wut durch Wut zu ersetzen, versuchen unsere negativen Gefühle loszuwerden, indem wir sie in anderen Leuten entfachen. Weil wir uns dann nicht mehr ganz so alleine fühlen. Heute habe ich festgestellt, dass es ok ist, wenn man nicht zurückfeuert, denn das bedeutet, dass man den Kreislauf durchbricht. Das ist ganz schön nice.


Und Rob, falls du das hier durch einen dummen Zufall lesen solltest, dann habe ich nur noch eins zu sagen:

Es tut mir leid, dass du deine Wut nicht weiterreichen konntest. Ich hoffe wirklich, du hörst auf es zu versuchen. <3

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