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Der Schlüssel, der bleibt

  • 25. Mai 2019
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 26. Mai 2019

Freitag, vier Tage vor der Abreise. Nächste Woche geht es los, auf nach Südafrika. Gestern bin ich offiziell aus meiner Wohnung ausgezogen, zurück zu Mama und Papa. Heute habe ich mein Auto verkauft. Und hier stehe ich nun, mit nur einem Schlüssel.



Vor gut vier Monaten habe ich den Entschluss gefasst, mein Leben komplett auf den Kopf zu stellen - meinen Job zu kündigen, aus meiner Wohnung auszuziehen und alles, was nicht in ein Zimmer und ein paar Schränke bei meinen Eltern passt, zu verkaufen. Vor vier Monaten war ich voller Tatendrang und habe allen potenziellen Ängsten laut ins Gesicht gelacht. Meinen Job kündigen? Kein Problem, das machen heutzutage doch sowieso so viele Menschen. Aus meiner Wohnung ausziehen? Ach, das sind doch nur vier Wände. All meine Sachen verkaufen? Pff, ich wollte sowieso minimalistischer leben! Fragen wie "Und wie machst du das, hast du einen Container mit dem du deinen Sachen verschiffst?" kamen hier und da, meine Antwort war immer die selbe: "Nein, ich nehme nur zwei Koffer mit." Das klang so einfach und kam mir so selbstverständlich über die Lippen, dass es den ein oder anderen doch stark verwirrte. Nur zwei Koffer, in die passt nun mal nicht viel. Zwei Koffer, da passen einige Dinge, die ich gern mitnehmen würde, nun leider nicht rein. In zwei Koffer kann ich kein Auto stecken, in zwei Koffer kann ich keine Erbstücke von meinem Opa packen, in zwei Koffer passt meine Familie nicht, in zwei Koffern können meine Freunde nicht mitreisen, in zwei Koffern kann ich nicht mal all meine Kleidung verstauen. Und das war für mich okay.


Heute, an diesem sonnigen Freitag, nach all den Dingen, die ich verkauft habe, nach der Übergabe meiner Wohnung, nach all den "Auf Wiedersehen"-Besuchen, sehe ich, wie mein Auto abtransportiert wird. Meine Elisabeth, ein silberner VW Fox, wird vor meinen Augen auf einen Anhänger geladen und fährt ein letztes Mal um die Kurve, in der ich meinen Eltern immer noch einmal zugewunken habe, wenn ich mit Elisabeth den Rückweg nach Hannover angetreten habe. Und ja, was soll ich sagen, hier trifft es mich dann plötzlich wie ein Schlag. Ich gehe zurück in mein Zimmer, dort liegt mein Schlüsselbund - mit nur noch einem Schlüssel. Ein einziger Schlüssel zwischen vier Schlüsselanhängern. Ein Schlüsselbund, der nun so verloren und leer wirkt, an dem einmal so viele Schlüssel hingen. Zurück geblieben ist nur einer und zwar der von meinem zu Hause. Mein Job, meine Wohnung, mein Keller, mein Fahrrad, mein Auto - alles, was ich zurücklassen musste, zieht plötzlich an mir vorbei.


Manchmal muss man sich von etwas trennen, um etwas anderes zu erhalten. Wenn man schon beide Hände voll hat, kann man nunmal nicht nach etwas neuem greifen. Kurz bevor dieses "Neue" dann beginnt, fühlt es sich zuweilen so an, als stünde man nun mit leeren Händen da. Man sieht nun, was man alles hinter sich lassen musste, nicht aber, was einen dafür im Gegenzug erwarten wird. Dann bleibt einem nur das Vertrauen - in sich und die eigene Entscheidung.


Ich blicke zurück auf alles, was mir so viel bedeutet hat, alles, was ich nun zurücklassen musste und stelle fest: Auch wenn es nicht mehr in meinem physischen Besitz ist, ist es immer noch ein Teil von mir. Ein Teil meiner Geschichte, ein Kapitel in meinem Leben. Für alles, was ich besessen habe, bin ich unendlich dankbar, auch wenn es jetzt nicht mehr mir gehört. All diese Dinge haben mich begleitet und mir irgendwie geholfen, an diesen Punkt zu gelangen. Und auch wenn ich mit nur einem Schlüssel an meinem Schlüsselbund nach Südafrika gehe, so weiß ich doch, dass es der wichtigste ist, der mir geblieben ist. Der Schlüssel zum Glück - zu meiner Heimat. In der Zukunft werden sich neue Türen für mich öffnen und ich bin mir sicher, dass sie großartiges für mich bereithalten werden. Bis dahin genügt mir die Gewissheit, dass, auch wenn alle Stricke reißen sollten, mir dieser eine, ganz besondere Schlüssel, immer bleiben wird. Der Schlüssel zu meinem zu Hause.

1 Kommentar


seven_dust
06. Aug. 2020

Inspiriert.

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